Hochbegabung in ihrem weiteren Spektrum begleitet mich seit meiner Kindheit. Bereits im Rahmen der Einschulung zeigte sich in einem Intelligenztest eine Höchstbegabung. Diese frühe Einordnung blieb weitgehend unverstanden und spielte für meinen weiteren Bildungsweg zunächst keine sichtbare Rolle.
Dreißig Jahre später bekam dieses Thema im Kontext professioneller Beratung und Selbstklärung einen Namen. Ausgangspunkt war eine langjährige belastende Lebens- und Berufserfahrung, die Fragen von Begabung, Identität und Passung auf neue Weise sichtbar machte. Was zunächst als persönliche Suchbewegung begann, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem zentralen Schwerpunkt meiner fachlichen Arbeit.
Von Beginn an galt mein Interesse dem Selbst- und Weltverhältnis hoch- und höchstbegabter Menschen: ihrer Art zu denken, Sinn zu konstruieren, Zugehörigkeit zu erleben und sich in sozialen, beruflichen und kulturellen Kontexten zu verorten. Die gängigen Definitionen beschreiben Hochbegabung vor allem über kognitive Leistungsfähigkeit und Intelligenzquotienten. Für mein Verständnis greift dies zu kurz. Intelligenz ist ein wesentlicher Bestandteil von Hochbegabung, erschöpft das Phänomen jedoch nicht.
Hochbegabung existiert nicht losgelöst von anderen Dimensionen menschlicher Erfahrung. Sie steht in Wechselwirkung mit Geschlecht, kultureller Herkunft, sozialem Umfeld, familiärer Prägung, Bildung, Lebensgeschichte und gesellschaftlichen Erwartungen. Sie wird stets in konkreten biografischen, sozialen und kulturellen Zusammenhängen gelebt. Im Mittelpunkt meines Interesses stehen Fragen von Identität, Zugehörigkeit, Differenzerfahrung und beruflicher Passung sowie deren Bedeutung für die Entwicklung eines tragfähigen Selbstverständnisses.
Seit 2025 richtet sich mein Interesse verstärkt auf Höchstbegabung (IQ 145+). Mit niederländischen Kolleg:innen habe ich die interdisziplinäre High Giftedness Expertise Group mitbegründet. In diesem Rahmen untersuchen wir die Lebenswelten höchstbegabter Menschen und fragen danach, welche besonderen Entwicklungsbedingungen, Herausforderungen und Potenziale mit außergewöhnlich hoher Intelligenz verbunden sein können.
Diese Perspektive prägt meine fachliche Arbeit ebenso wie meine publizistischen Aktivitäten und internationalen Kooperationen im Bereich der Hoch- und Höchstbegabung. Im Mittelpunkt stehen Fragen von Identität, Geschlecht, sozialer Lesbarkeit und Anerkennung. Mich interessieren besonders kulturphilosophische, anthropologische und psychoanalytische Zugänge zu Hoch- und Höchstbegabung. Die theoretische Vertiefung dieser Perspektiven im Rahmen einer Promotion ist ein Anliegen, das ich gegenwärtig weiterverfolge.
Hochbegabung verstehe ich nicht allein als kognitives Merkmal, sondern als identitätsrelevante Dimension menschlicher Existenz, als Selbst- und Weltverhältnis.
